Der Marienplatz
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Wenn man von Speyer kommend auf der Burgstraße Richtung Stadtmitte fährt, sieht man rechts eine gepflegte, baumbestandene Grünanlage mit einer hohen, schlanken Marienstatue vor zwei alten Linden. Dieser Anblick ist uns schon so vertraut, dass die jüngeren von uns der Meinung sind, dies sei schon immer so gewesen. Gewiss, die Maxburgstraße, die links abzweigend unter der Bahnlinie hindurchführt, wurde erst vor einigen Jahren für den Verkehr freigegeben.

Noch vor 70 Jahren war dieser Platz ein weit gestrecktes Dreieck, ohne Rosen, ohne Blumen, ohne Parkplatz. Am südlichen Ende zweigte die Speyerer Straße von der Burgstraße ab, und an der nördlichen Breitseite befand sich ein Durchgangsweg.

Die große Fläche aber gehörte den Zimmerleuten, der Allgemeinheit, aber besonders der Jugend.

Weil hier Zimmermann Kamb sein Holz lagerte und Dachgerüste herstellte, hieß er im Volksmund nur  der  „Zimmerplatz“.  Die  Kinder  spielten Ball, „Versteckels“, „Lupert“, „Klickerles“, „Dänzerles“ und viele andere beliebte Spiele. Natürlich nicht nur hier, sondern straßauf, straßab. Autos gab es ja kaum,  und die wenigen fuhren langsam und störten kaum.

Ich entsinne mich, wie einmal ein Kasperle-Theater aufgebaut wurde, mit einfachen Holzbänken davor, auf denen wir Kinder mit glühenden Wangen saßen und begeistert die Abenteuer des tollpatschigen Kasperle verfolgten, der noch ungeschickter war als wir und immerzu unserem größten Gaudi – aus jeder Not und Gefahr glücklich herauskam. Uns alle steckte er mit seinem hellen Lachen an. Eine Frau ging durch die Reihen der Zuschauer, und die Erwachsenen gaben ihr gern ein paar Pfennige.

Auch der Drehorgelmann machte auf dem Zimmerplatz halt. Er führte einen mächtigen, unbeholfenen Bären mit sich, an einer Kette gefesselt, dem wir respektvoll auswichen. Aber die Drehorgel umlagerten wir, saß doch darauf ein Äffchen, das uns mit großen, runden Augen seltsam fremd und angstvoll anblickte. Ein zierliches, weiß geschminktes Mädchen in einem bunten, enganliegenden Zirkuskleid tanzte auf den Zehenspitzen und fand unsere volle Bewunderung.

Aber solche Darbietungen waren selten. Häufige Gäste waren hingegen die „Mackebacher“. Aus „de Hinnerpalz“ kamen sie, aus Kusel und den umliegenden Dörfern: aus Mackebach, Jettenbach, Bosenbach, Thallichtenberg, um nur einige zu nennen. Auf Plätzen und an Straßenkreuzungen hielten sie an, holten ihre Instrumente hervor: Geige, Klarinette, Posaune, Trompete, Waldhorn, Pauke, Trommel und spielten Volkslieder, „Schlager“ und Melodien, die sie selbst komponiert hatten. In einer Zeit, da es weder Radio noch Fernsehen gab, war man dankbar für solche musikalischen Abwechslungen und spendierte gern. Münzen, die man ihnen aus den Fenstern herunterwarf, fingen sie geschickt auf.

Den ganzen Sommer über zogen sie von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, kamen durch ganz Europa, ja einige Gruppen, „bands“ genannt, nach Amerika und sogar nach Südafrika, Indien und Australien. Bei uns wurden sie etwas herablassend behandelt, etwa so wie gewöhnliche Schausteller. Auf Ozeandampfern, in Opernhäusern und bei großen Festlichkeiten in Übersee waren sie aber geachtete und willkommene Könner. Sogar die Melodie der amerikanischen Nationalhymne stammt von ihnen. Kehrten sie im Winter, manche erst nach Jahren, in ihre Heimatdörfer zurück, hatten sie Geld gespart und konnten ein Haus kaufen, Ackerland, Vieh und eine Existenz aufbauen. Einer hatte sogar Pläne für den Bau eines amerikanischen Farmerhauses unten in seinem Koffer überall mit sich herumgetragen und mit in die Pfalz gebracht. Wenn Sie, lieber Leser, einmal mit dem Auto durch Jettenbach kommen, sehen Sie hie und da ein Haus mit Veranda im „Wildweststil“.

Der berühmteste aller Musikanten war gewiss Fritz Wunderlich aus Kusel, der 1966 im Alter von 36 Jahren tödlich verunglückte. Er war zu seiner Zeit der größte lyrische Tenor in Deutschland. Seine Mutter hatte in Gaststätten und auf „Kerwe“-Festen als Musikantin ihr Geld verdient, und ihr Sohn begab sich, mit seinem verbeulten Waldhorn unter dem Arm, nach München, wo er Musik studierte und wo er so berühmt werden sollte.

Wenn Sie doch schon im Musikantenland sind, so besuchen Sie auch die Lichtenburg mit ihren weitläufigen und mächtigen Verteidigungsanlagen. Auf einem Bergvorsprung östlich von Kusel schaut sie beherrschend hinab in die umliegenden Täler. Im Burghof zeigt man Ihnen gern den Weg – am Burgfried vorbei – zur „Zehntscheune“, in der früher jeder Bauer ein Zehntel seiner Erzeugnisse abliefern musste. Jetzt ist ein vielbesuchtes Museum darin untergebracht, mit Photos der Musikanten aus allen Herren Ländern, vielen Original-Instrumenten und anderen Erinnerungsstücken aus einer Zeit, die in den 30er Jahren zu Ende ging.

Aber zurück nach Schifferstadt, zu unserem Zimmerplatz. Ich erinnere mich, wie im Hochsommer hier ein Schauspiel besonderer Art stattfand. Tagelang zuvor zogen wir Schulkinder mit Handwägelchen von Haus zu Haus – besser gesagt: von Scheune zu Scheune – und sammelten alte Körbe! Auch unbrauchbar gewordene Holzstücke, Papier und Hobelspäne aus den Schreinereien wurden aufgeladen und auf dem Zimmerplatz zu einem hohen Holzstoß aufgeschichtet. Die älteren von uns Buben hatten schon eine überlebensgroße Strohpuppe angefertigt, die am späten Nachmittag des Johannistages – wir nannten ihn „Kannstag“ – durch die Straßen und Gassen getragen wurde, gefolgt von einer johlenden Kinderschar. Am Abend wurde der Strohmann auf die Spitze des Scheiterhaufens gesteckt und dieser ganz unten – das ganze Dorf war anwesend – angezündet. Im Nu sprang die Flamme empor, und Funken stoben in den dunklen Nachthimmel hinauf. Was hatte ich Angst! Wie klammerte ich mich an den Hosenbeinen meines Vaters fest!

Während der Hitlerzeit wurde das ganze Schauspiel auf die Heßler-Bruch-Wiese verlegt und zu einem „Germanenbrauch“ umfunktioniert. Wir mussten im Gleichschritt hinausmarschieren und draußen singen:

Flamme empor! Flamme empor!
Steige mit loderndem Scheine
von dem Gebirge am Rheine
glühend empor, glühend empor!

Es wurden auch nie mehr alte Körbe gesammelt, sondern eine Art Lagerfeuer ersetzte den Strohmann-Scheiterhaufen, was längst nicht so unserem Brauchtum entsprach.

Auf dem Heimweg faszinierten mich die Glühwürmchen, die wie verirrte Feuerfunken lautlos und geheimnisvoll in den Haselnusshecken aufleuchteten. Wie schwer sie zu fangen waren! Nicht so einfach wie die dicken, plumpen Maikäfer! Hatten wir eins erwischt, so staunten wir es verblüfft an: Sein Licht phosphorizierte hellgrün und war eigenartigerweise kalt. Keine Wärme strömte aus, keine Hitze wie andere Lichtquellen. Und sowohl die fliegenden Männchen als auch die am Boden wartenden Wurm-Weibchen konnten ihr Licht einschalten und wieder aus - wie sie wollten. Sie sind mir noch in bester Erinnerung, aber nicht mehr die prahlerischen Ansprachen von Rasse, Heldentaten und Germanentum.

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Der Zimmerplatz wurde währenddessen zu einem „Rosengarten“ umgewandelt. Das nördliche, breite Drittel wurde tiefer gelegt. Stufen führten hinunter zur gepflegten Anlage mit Rosenbäumchen, -stauden und -stöcken. Der restliche Teil des Platzes wurde gesäubert. Herr Kamb war inzwischen auf sein privates Arbeitsgelände umgezogen. Allerdings sah man Spaziergänger hier – wie überall in Schifferstadt - höchst selten. Wer hatte schon Zeit, tagsüber oder abends herumzubummeln! Zudem riskierte man, als Nichtstuer verspottet zu werden...

Auch der bis zu diesem Zeitpunkt ungepflegte „Kreuzplatz“ zwischen Speyerer Straße und Ende der Hauptstraße - die zur Hitlerzeit „Hindenburgstraße, und noch früher „Große Sandgasse“ hieß - sollte ein Schmuckstück des Dorfes werden.

Hatte die Gemeindeordnung aus dem Jahr 1870 nicht für Sauberkeit gesorgt? Es hieß darin, dass der Schillerplatz und der Kreuzplatz nicht weiter „zum Aufstellen und Aufbewahren von Gegenständen, wie Holz, Dünger, Grund, Steine, Stroh, Buden, Wägen, Karren und sonstigen Gerätschaften“ benutzt werden durften. (aus: „Sellemols“ von B. Kukatzki)

Wie dem auch sei: Mein Vater, der Schreinermeister Karl Brück, hatte die für die damalige Zeit haarsträubende Idee, einen Rasen anzulegen. Von Haus zu Haus ging er und bat um ein paar Pfennige zum Ankauf von Grassamen. Man stelle sich vor: „Grassamen“! Er musste sich manchen Spott anhören: „Überall, Vedder Brück, wächst Gras, im Hof, im Garten, auf den Feldern! Wozu dieser Unsinn?“ Aber man gab ihm doch eine Kleinigkeit. Seine Schwester, Fräulein Anna Brück, hatte in der Häfnergasse ein Samengeschäft. Sie ließ sich von Erfurt Grassamen schicken. Unser Nachbar, „Dewald“ (Theobald) Weißenmayer spannte sein Pferd vor den Pflug und zackerte den ganzen Platz um. Er wurde gerecht und der Samen gesät. Wie aber den Rasen pflegen? Niemand hatte eine Ahnung, und Rasenmäher kannte man nicht. So mähte man ihn - nicht allzu oft - wie die Wiesen mit der Sense. Um ihn zu verschönern, steckte man zitronengelbe Krokusse, die allerdings nur einmal blühten. Aber die von der Stadt, gepflanzten Platanen ersetzten die Kastanienbäume und gediehen prächtig. Sie stehen heute noch, breit und stolz, so dass man fast meint, Schifferstadt sei ein Kurort. Aber die neu angelegten Parkplätze, die aussehen, als hätten sie sich in den Rasen hineingefressen, die immer größer werdende Umspannstation und der nie endende Verkehrslärm zu beiden Seiten des Platzes lassen keine Urlaubsstimmung aufkommen und erst recht keine erholsame Ruhe.

Der Kreuzplatz? Nicht zu vergleichen mit der Perle des Dorfes: dem Rosengarten! Bis die Katastrophe kam. Schon wochenlang brütete die Hochsommerhitze über der Rheinebene. Es wurde schwüler und schwüler. Und endlich ergoss sich der erlösende Regen über das durstende Land. Es schüttete wie aus Kübeln. Stundenlang. Die Straßen wurden zu reißenden Bächen. Da, plötzlich, hörte der Regen auf. Schuhe und Strümpfe aus und die Hosen hochgekrempelt! Alles, was Courage hatte, hinein in die Fluten! Ganz Mutige holten Backmulden aus Holz und Schweine-Schlacht-Tröge aus Blech herbei und wollten „Kahn“ fahren. Aber die Tröge kippten um, und durch die Ritzen der Mulden sickerte das Wasser, so dass sie absoffen. Spaß und Gelächter überall. Und die Wassermassen flossen – so schien es - alle einer Stelle zu: dem Rosengarten. Der tiefer gelegene nördliche Teil wurde zu einem Teich mit braun-trübem quirlendem Wasser und schwimmenden Rosenzweigen. Es dauerte endlos, bis das Wasser versickert war und eine trostlose Fläche zurückblieb. Es wurden hier nie mehr Rosen gepflanzt...

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1939 brachte für alle drei Plätze in Schifferstadt einschneidende Veränderungen. Mit Fliegerangriffen musste gerechnet werden, ist doch unser Bahnhof ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt. Der tiefer gelegene Teil des Zimmerplatzes wurde ausbetoniert, mit Wasser aufgefüllt und zum „Löschteich“ erklärt. Die Wände waren steil, glitschig, und wer nicht aufpasste und zu nahe kam, konnte plötzlich ausrutschen und ein unfreiwilliges Bad nehmen. Wie gut, dass die Schifferstadter sein Wasser nie verwenden mussten!

Die beiden anderen Plätze, Kreuzplatz und „Weed“ wurden mit „Splitterschutzgräben“ versehen. Die französischen Kriegsgefangenen, die im „Wilden Mann“ eng und dürftig auf übereinander stehenden Holzbetten schliefen, mussten ein- bis zwei metertiefe Gräben ausheben, Holzgerüste darüber bauen und mit dem Grasaushub abdecken. Diese Gräben waren längst nicht bombensicher. Aber sie sollten schützen gegen Flak- und Granatsplitter. In den letzten Kriegsmonaten 1945 boten sie etwas Deckung bei Angriffen der Tiefflieger, den gefürchteten „Jabos“ (Jagdbomber.

Die Bevölkerung flüchtete, wenn die Bombergeschwader ihre todbringenden Lasten über die Nachbarstädte, vor allem Mannheim und Ludwigshafen, abluden, in die Keller, in denen sie viele Stunden der Angst zubrachten und die sich auch im Ernstfall als unzureichend erwiesen.

Aber Not lehrt beten. Tag und Nacht knieten verängstigte Menschen in der zu einem Luftschutzbunker umgebauten Krypta der St. Jakobuskirche und beteten zu Gott, zu seiner Mutter, zu allen Engeln und Heiligen um Errettung aus dieser Bedrängnis. Man gelobte den Bau einer Herz-Jesu-Kirche, die Errichtung einer Marienstatue und die „ewige Anbetung“ für den Fall, dass Schifferstadt von größeren Zerstörungen bewahrt bleiben sollte.

Und das Wunder geschah. Obwohl deutsche Landser, dem Durchhaltebefehl Hitlers gehorsam, noch in den letzten Tagen Schifferstadt zum Verteidigungskampf gegen die anrückenden amerikanischen Truppen vorbereiteten, kam es weder zu dem gefürchteten Luftangriff mit verheerenden Spreng- und Brandbomben noch zu einer bewaffneten Eroberung unseres Dorfes. Es war keine Trümmerstätte, als im Mai 1945 der fürchterliche Zweite Weltkrieg zu Ende ging.

In den folgenden Friedensjahren wurde natürlich die gelobte Herz-Jesus-Kirche am südöstlichen Ortsrand gebaut. Als Dank für die Errettung erhielt der in „Marienplatz“ umbenannte Zimmerplatz 1953 ein stattliches Denkmal: hoch oben, auf einer schlanken Steinsäule die Muttergottes in einem weiten Schutzmantel, auf der Weltkugel stehend, das Jesuskind auf dem Arm, das sich ängstlich an sie schmiegt und auf den Betrachter herabschaut. Darunter in erhabenen Lettern die Inschrift:

„Maria, der gütigen Helferin in den Bedrängnissen
des Krieges 1939 – 1945, aus Dankbarkeit
errichtet von den Pfarrgemeinden
St. Laurentius und  St. Jakobus.

Drei Linden und niedrige Hecken hinter der Säule, ein grüner Rasen mit Bäumen längs der Burg- und Speyerer Straße boten ein Bild der Harmonie und der Ruhe. Eine glückliche Lösung für alle Zeiten. So dachte man.

Aber die Stadtplaner dachten anders. Der immer stärker werdende Verkehr fordere sein Recht, sagten sie, die schienengleichen Bahnübergänge Müdichstraße und Kestenberger Weg müssten beseitigt und zwei Unterführungen gebaut werden. So wurde der Marienplatz zerschnitten, die Mariensäule versetzt, junge Bäume und Hecken angepflanzt, ein Parkplatz angelegt. Nur eine Linde blieb erhalten. 

„Natur raus aus der Stadt, Autos rein in die Stadt!“ dachte man damals, denn man war modern und fortschrittlich. Verstümmelte man nicht auch den Kreuzplatz und den Schillerplatz (bei den Alten immer noch „Weed“ geheißen) durch Anlegen von Stellflächen für Autos? Und verbreiterte man nicht die Straßen auf Kosten der einstmals ach so bequemen breiten Bürgersteige?

So hat das letzte schnelllebige Jahrhundert besonders am Marienplatz tiefe Spuren hinterlassen. Wie mag er früher ausgesehen haben? Viel spricht dafür, dass sich der Wald zwischen Speyer und Schifferstadt bis hierher ausdehnte. Die Metzgerei an der Ecke Speyerer Straße und Hintergasse war noch am Ende des Krieges eine Gaststätte und hieß „Grüner Wald“. Auch die „Jägerlust“ befand sich nur hundert Meter nördlich davon, in der Speyerer Straße mit der Hausnummer 40. Gibt es nicht auch noch ganz in der Nähe die „Jägerstraße“?

Georg Sturm, unser längst verstorbener fleißiger Heimatforscher, hat in alten Urkunden herausgelesen, dass unser Marienplatz im Jahre 1824 „Königsgarten“ hieß. Warum wohl? Nun, unsere schöne Pfalz gehörte nach den Wirren der Französischen Revolution einige Jahre zu Frankreich, dann aber zum Königreich Bayern. Man sagte: „Bayern und Pfalz, Gott erhalt’s!“ Und König Max Josef von Bayern feierte 1824 sein 25 jähriges Regierungsjubiläum. Um ihn zu ehren, legte die Gemeinde Schifferstadt diesen „Königsgarten“ an, zum „ewigen Gedächtnis“, und pflanzte 56 Obstbäume darauf: Äpfel, Birnen und „erlesene Kirschen“, weshalb er auch „Kirschgarten“ hieß. Wir hatten also damals schon, vor fast 200 Jahren, eine Art „Obstbaumschule“. - Ach so! Auch eine Straße in Schifferstadt wurde zu Ehren des Bayernkönigs in „Ludwigstraße“ umbenannt. Aber die alte Bezeichnung ist immer noch geläufig und erinnert an den Hirt, der morgens auf seinem Horn blasend durch diese Gasse zog und die Schweine einsammelte, die er wohlbehütet zur Mast in den „Schnellig“, zur „Weed“ oder in den Eichenwald trieb.

Sicher haben Sie, lieber Leser, das Buch von Georg Sturm: „Geschichte meiner Heimat- gemeinde Schifferstadt“ in Ihrem Bücherschrank. Schlagen Sie auf Seite 228! Aber nehmen Sie sich viel Zeit, denn die Geschichte unserer Stadt ist oft sehr spannend.

Und dann sollten Sie sich noch einmal Zeit nehmen. Vielleicht an einem Sonntagmorgen? Verweilen Sie auf dem Marienplatz! Grüßen Sie Maria mit dem Gotteskind auf dem Arm! Studieren Sie die Inschrift und denken Sie zurück an das Leben und Treiben, das hier in früheren Zeiten herrschte! Der Wald wurde weit zurückgedrängt, die Obstbäume zum „Ewigen Gedächtnis“ eines bayrischen Königs sind verschwunden. Kein Zimmermann arbeitet hier mehr an einem Dachgerüst. Kasperletheater, Drehorgelspieler, Tanzbär und Wandermusikanten bleiben weg. Niemand sammelt mehr alte Körbe für einen Scheiterhaufen mit einer Strohpuppe drauf. Kein Löschteich erinnert mehr an die angstvollen Stunden des letzten Weltkrieges.

Ist der Marienplatz heute nutzlos? Vielleicht nur ein Hindernis für eilige Autofahrer? Wenn Sie versucht sind so zu denken, dann gehen Sie doch am Abend des 15. August hierher! In der hereinbrechenden Dämmerung kommt eine Lichterprozession mit Musikkapelle hier an. Marienlieder werden gesungen, Bitt- und Dankgebete gesprochen. Auch wenn Sie nicht katholisch sind können sie sich unter die Menge stellen und teilnehmen an diesem Brauch, der immer beliebter wird. Oder wollen Sie warten, bis auch diese erfreuliche Tradition Vergangenheit ist? Und Sie in irgendeinem Heimatbuch lesen, wie es war? Und Sie wehmütig zurückdenken: „Ja, stimmt! Schade, dass ich mir keine Zeit nahm! Wieder etwas versäumt!“ Merken Sie sich also den 15. August vor! Das Fest Mariä Himmelfahrt. Einmal im Jahr.

Und das ganze Jahr über beleuchten zwei Bodenstrahler, hell und gleißend, die Marienstatue und heben sie ab gegen den dunklen Nachthimmel. Das Hambacher Schloss, das Neustadter Rathaus, der Speyerer Dom werden angestrahlt. Warum nicht auch unsere schöne Marienstatue?

Herr Fritz Kolb, unser Schifferstadter Heimatdichter, fasste in schlichten Versen das zusammen, was gläubige Menschen empfinden: 

Nun hast Du Deinen Platz gefunden,
der Dir gebührt, Du Himmelsfrau.
Du schirmtest einst in Kriegesstunden
uns wunderbar, erhabne Frau.

O schau herab mit Wohlgefallen
auf unser schönes Pfälzer Land!
Lass schützend Deinen Mantel wallen,
das Gotteskind in Deiner Hand!

 

Mariensäule/Marienplatz

Errichtet 1952 von den beiden Pfarrgemeinden: Pfarrer Gouthier und Pfarrer Schwartz, Domkapitular Hiller Aus Dankbarkeit für die Errettung im Weltkrieg 1939-45.

Geschaffen von Bildhauermeister Karl Wex, Speyer und Steinmetzmeister Otto Grimm, Speyer. Fundament: Maurermeister Zehfuß

Pfarrer Weihmann hatte am 8. Dezember 1944 zu einem täglichen Gebetssturm aufgerufen. Tag und Nacht waren Beter in der Krypta der St. Jakobuskirche vor dem ausgesetzten Allerheiligen. Tatsächlich: Schifferstadt wurde nicht bombardiert!

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.W. Brück, 13.05.2005

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