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Auch der bis zu diesem Zeitpunkt
ungepflegte „Kreuzplatz“ zwischen Speyerer Straße und
Ende der Hauptstraße - die zur Hitlerzeit
„Hindenburgstraße, und noch früher „Große Sandgasse“ hieß - sollte ein
Schmuckstück des Dorfes werden.
Hatte die Gemeindeordnung aus dem
Jahr 1870 nicht für Sauberkeit gesorgt? Es hieß darin, dass der Schillerplatz
und der Kreuzplatz nicht weiter „zum Aufstellen und Aufbewahren von
Gegenständen, wie Holz, Dünger, Grund, Steine, Stroh, Buden, Wägen, Karren und
sonstigen Gerätschaften“ benutzt werden durften. (aus: „Sellemols“ von B.
Kukatzki)
Wie dem auch sei: Mein
Vater, der Schreinermeister Karl Brück, hatte die für die damalige Zeit
haarsträubende Idee, einen Rasen anzulegen. Von Haus zu Haus ging er und bat um
ein paar Pfennige zum Ankauf von Grassamen. Man stelle sich vor: „Grassamen“! Er
musste sich manchen Spott anhören: „Überall, Vedder Brück, wächst Gras, im Hof,
im Garten, auf den Feldern! Wozu dieser Unsinn?“ Aber man gab ihm doch eine
Kleinigkeit. Seine Schwester, Fräulein Anna Brück, hatte in der Häfnergasse ein
Samengeschäft. Sie ließ sich von Erfurt Grassamen schicken. Unser Nachbar,
„Dewald“ (Theobald) Weißenmayer spannte sein Pferd vor den Pflug und zackerte
den ganzen Platz um. Er wurde gerecht und der Samen gesät. Wie aber den Rasen
pflegen? Niemand hatte eine Ahnung, und Rasenmäher kannte man nicht. So mähte
man ihn - nicht allzu oft - wie die Wiesen mit der Sense. Um ihn zu verschönern,
steckte man zitronengelbe Krokusse, die allerdings nur einmal blühten. Aber die
von der Stadt, gepflanzten Platanen ersetzten die Kastanienbäume und gediehen
prächtig. Sie stehen heute noch, breit und stolz, so dass man fast meint,
Schifferstadt sei ein Kurort. Aber die neu angelegten Parkplätze, die aussehen,
als hätten sie sich in den Rasen hineingefressen, die immer größer werdende
Umspannstation und der nie endende Verkehrslärm zu beiden Seiten des Platzes
lassen keine Urlaubsstimmung aufkommen und erst recht keine erholsame Ruhe.
Der Kreuzplatz? Nicht
zu vergleichen mit der Perle des Dorfes: dem Rosengarten! Bis die Katastrophe
kam. Schon wochenlang brütete die Hochsommerhitze über der Rheinebene. Es wurde
schwüler und schwüler. Und endlich ergoss sich der erlösende Regen über das
durstende Land. Es schüttete wie aus Kübeln. Stundenlang. Die Straßen wurden zu
reißenden Bächen. Da, plötzlich, hörte der Regen auf. Schuhe und Strümpfe aus
und die Hosen hochgekrempelt! Alles, was Courage hatte, hinein in die Fluten!
Ganz Mutige holten Backmulden aus Holz und Schweine-Schlacht-Tröge aus Blech
herbei und wollten „Kahn“ fahren. Aber die Tröge kippten um, und durch die
Ritzen der Mulden sickerte das Wasser, so dass sie absoffen. Spaß und Gelächter
überall. Und die Wassermassen flossen – so schien es - alle einer Stelle zu: dem
Rosengarten. Der tiefer gelegene nördliche Teil wurde zu einem Teich mit
braun-trübem quirlendem Wasser und schwimmenden Rosenzweigen. Es dauerte endlos,
bis das Wasser versickert war und eine trostlose Fläche zurückblieb. Es wurden
hier nie mehr Rosen gepflanzt...
Der Ausbruch des
Zweiten Weltkrieges im Jahr 1939 brachte für alle drei Plätze in Schifferstadt
einschneidende Veränderungen. Mit Fliegerangriffen musste gerechnet werden, ist
doch unser Bahnhof ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt. Der tiefer gelegene Teil
des Zimmerplatzes wurde ausbetoniert, mit Wasser aufgefüllt und zum „Löschteich“
erklärt. Die Wände waren steil, glitschig, und wer nicht aufpasste und zu nahe
kam, konnte plötzlich ausrutschen und ein unfreiwilliges Bad nehmen. Wie gut,
dass die Schifferstadter sein Wasser nie verwenden mussten!
Die beiden anderen
Plätze, Kreuzplatz und „Weed“ wurden mit „Splitterschutzgräben“ versehen. Die
französischen Kriegsgefangenen, die im „Wilden Mann“ eng und dürftig auf
übereinander stehenden Holzbetten schliefen, mussten ein- bis zwei metertiefe
Gräben ausheben, Holzgerüste darüber bauen und mit dem Grasaushub abdecken.
Diese Gräben waren längst nicht bombensicher. Aber sie sollten schützen gegen
Flak- und Granatsplitter. In den letzten Kriegsmonaten 1945 boten sie etwas
Deckung bei Angriffen der Tiefflieger, den gefürchteten „Jabos“ (Jagdbomber.
Die Bevölkerung
flüchtete, wenn die Bombergeschwader ihre todbringenden Lasten über die
Nachbarstädte, vor allem Mannheim und Ludwigshafen, abluden, in die Keller, in
denen sie viele Stunden der Angst zubrachten und die sich auch im Ernstfall als
unzureichend erwiesen.
Aber Not lehrt beten.
Tag und Nacht knieten verängstigte Menschen in der zu einem Luftschutzbunker
umgebauten Krypta der St. Jakobuskirche und beteten zu Gott, zu seiner Mutter,
zu allen Engeln und Heiligen um Errettung aus dieser Bedrängnis. Man gelobte den
Bau einer Herz-Jesu-Kirche, die Errichtung einer Marienstatue und die „ewige
Anbetung“ für den Fall, dass Schifferstadt von größeren Zerstörungen bewahrt
bleiben sollte.
Und das Wunder
geschah. Obwohl deutsche Landser, dem Durchhaltebefehl Hitlers gehorsam, noch in
den letzten Tagen Schifferstadt zum Verteidigungskampf gegen die anrückenden
amerikanischen Truppen vorbereiteten, kam es weder zu dem gefürchteten
Luftangriff mit verheerenden Spreng- und Brandbomben noch zu einer bewaffneten
Eroberung unseres Dorfes. Es war keine Trümmerstätte, als im Mai 1945 der
fürchterliche Zweite Weltkrieg zu Ende ging.
In den folgenden
Friedensjahren wurde natürlich die gelobte Herz-Jesus-Kirche am südöstlichen
Ortsrand gebaut. Als Dank für die Errettung erhielt der in „Marienplatz“
umbenannte Zimmerplatz 1953 ein stattliches Denkmal: hoch oben, auf einer
schlanken Steinsäule die Muttergottes in einem weiten Schutzmantel, auf der
Weltkugel stehend, das Jesuskind auf dem Arm, das sich ängstlich an sie schmiegt
und auf den Betrachter herabschaut. Darunter in erhabenen Lettern die Inschrift:
„Maria, der gütigen Helferin in den Bedrängnissen
des Krieges 1939 – 1945, aus
Dankbarkeit
errichtet von den Pfarrgemeinden
St. Laurentius und St. Jakobus.
Drei Linden und
niedrige Hecken hinter der Säule, ein grüner Rasen mit Bäumen längs der Burg-
und Speyerer Straße boten ein Bild der Harmonie und der Ruhe. Eine glückliche
Lösung für alle Zeiten. So dachte man.
Aber die Stadtplaner dachten anders. Der immer stärker werdende Verkehr fordere
sein Recht, sagten sie, die schienengleichen Bahnübergänge Müdichstraße und
Kestenberger Weg müssten beseitigt und zwei Unterführungen gebaut werden. So
wurde der Marienplatz zerschnitten, die Mariensäule versetzt, junge Bäume und
Hecken angepflanzt, ein Parkplatz angelegt. Nur eine Linde blieb erhalten.
„Natur raus aus der
Stadt, Autos rein in die Stadt!“ dachte man damals, denn man war modern und
fortschrittlich. Verstümmelte man nicht auch den Kreuzplatz und den
Schillerplatz (bei den Alten immer noch „Weed“ geheißen) durch Anlegen von
Stellflächen für Autos? Und verbreiterte man nicht die Straßen auf Kosten der
einstmals ach so bequemen breiten Bürgersteige?
So hat das letzte
schnelllebige Jahrhundert besonders am Marienplatz tiefe Spuren hinterlassen.
Wie mag er früher ausgesehen haben? Viel spricht dafür, dass sich der Wald
zwischen Speyer und Schifferstadt bis hierher ausdehnte. Die Metzgerei an der
Ecke Speyerer Straße und Hintergasse war noch am Ende des Krieges eine
Gaststätte und hieß „Grüner Wald“. Auch die „Jägerlust“ befand sich nur hundert
Meter nördlich davon, in der Speyerer Straße mit der Hausnummer 40. Gibt es
nicht auch noch ganz in der Nähe die „Jägerstraße“?
Georg Sturm, unser
längst verstorbener fleißiger Heimatforscher, hat in alten Urkunden
herausgelesen, dass unser Marienplatz im Jahre 1824 „Königsgarten“ hieß. Warum
wohl? Nun, unsere schöne Pfalz gehörte nach den Wirren der Französischen
Revolution einige Jahre zu Frankreich, dann aber zum Königreich Bayern. Man
sagte: „Bayern und Pfalz, Gott erhalt’s!“ Und König Max Josef von Bayern feierte
1824 sein 25 jähriges Regierungsjubiläum. Um ihn zu ehren, legte die Gemeinde
Schifferstadt diesen „Königsgarten“ an, zum „ewigen Gedächtnis“, und pflanzte 56
Obstbäume darauf: Äpfel, Birnen und „erlesene Kirschen“, weshalb er auch
„Kirschgarten“ hieß. Wir hatten also damals schon, vor fast 200 Jahren, eine Art
„Obstbaumschule“. - Ach so! Auch eine Straße in Schifferstadt wurde zu Ehren des
Bayernkönigs in „Ludwigstraße“ umbenannt. Aber die alte Bezeichnung ist immer
noch geläufig und erinnert an den Hirt, der morgens auf seinem Horn blasend
durch diese Gasse zog und die Schweine einsammelte, die er wohlbehütet zur Mast
in den „Schnellig“, zur „Weed“ oder in den Eichenwald trieb.
Sicher haben Sie,
lieber Leser, das Buch von Georg Sturm: „Geschichte meiner Heimat- gemeinde
Schifferstadt“ in Ihrem Bücherschrank. Schlagen Sie auf Seite 228! Aber nehmen
Sie sich viel Zeit, denn die Geschichte unserer Stadt ist oft sehr spannend.
Und dann sollten Sie
sich noch einmal Zeit nehmen. Vielleicht an einem Sonntagmorgen? Verweilen Sie
auf dem Marienplatz! Grüßen Sie Maria mit dem Gotteskind auf dem Arm! Studieren
Sie die Inschrift und denken Sie zurück an das Leben und Treiben, das hier in
früheren Zeiten herrschte! Der Wald wurde weit zurückgedrängt, die Obstbäume zum
„Ewigen Gedächtnis“ eines bayrischen Königs sind verschwunden. Kein Zimmermann
arbeitet hier mehr an einem Dachgerüst. Kasperletheater, Drehorgelspieler,
Tanzbär und Wandermusikanten bleiben weg. Niemand sammelt mehr alte Körbe für
einen Scheiterhaufen mit einer Strohpuppe drauf. Kein Löschteich erinnert mehr
an die angstvollen Stunden des letzten Weltkrieges.
Ist der Marienplatz
heute nutzlos? Vielleicht nur ein Hindernis für eilige Autofahrer? Wenn Sie
versucht sind so zu denken, dann gehen Sie doch am Abend des 15. August hierher!
In der hereinbrechenden Dämmerung kommt eine Lichterprozession mit Musikkapelle
hier an. Marienlieder werden gesungen, Bitt- und Dankgebete gesprochen. Auch
wenn Sie nicht katholisch sind können sie sich unter die Menge stellen und
teilnehmen an diesem Brauch, der immer beliebter wird. Oder wollen Sie warten,
bis auch diese erfreuliche Tradition Vergangenheit ist? Und Sie in irgendeinem
Heimatbuch lesen, wie es war? Und Sie wehmütig zurückdenken: „Ja, stimmt!
Schade, dass ich mir keine Zeit nahm! Wieder etwas versäumt!“ Merken Sie sich
also den 15. August vor! Das Fest Mariä Himmelfahrt. Einmal im Jahr.
Und das ganze Jahr
über beleuchten zwei Bodenstrahler, hell und gleißend, die Marienstatue und
heben sie ab gegen den dunklen Nachthimmel. Das Hambacher Schloss, das
Neustadter Rathaus, der Speyerer Dom werden angestrahlt. Warum nicht auch unsere
schöne Marienstatue?
Herr Fritz Kolb, unser
Schifferstadter Heimatdichter, fasste in schlichten Versen das zusammen, was
gläubige Menschen empfinden:
Nun hast Du Deinen Platz gefunden,
der Dir gebührt, Du Himmelsfrau.
Du schirmtest einst in
Kriegesstunden
uns wunderbar, erhabne Frau.
O schau herab mit Wohlgefallen
auf unser schönes Pfälzer Land!
Lass schützend Deinen Mantel
wallen,
das Gotteskind in Deiner Hand!
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