Kreuz im Ketzerweg

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1.  Kreuzerrichtung

Wenn  Sie,   lieber  Leser,   Schifferstadt  Richtung  Westen,  also  auf  der  Iggelheimer  Straße, verlassen  und nach dem letzten Haus rechts in den Feldweg einbiegen, stoßen Sie zwischen den Aussiedlerhöfen   Emil Magin   und   Ludwig Schlosser  auf  ein  weithin  sichtbares  Steinkreuz.

Der Heimatforscher Georg Sturm schreibt in  seinem Buch:
 „Geschichte meiner Heimatgemeinde Schifferstadt“  auf Seite 199:
„Laut  Gemeinderechnung  wurde  1765  ein  steinernes Kreuz im Böhlerweg aufgestellt.“  Mehr erfahren  wir  nicht:  Woher  der Stein stammt.  Wo er behauen wurde.  Wie der Steinmetz hieß.
Der Grund  der  Aufstellung.  Der Auftraggeber dürfte die Gemeinde Schifferstadt gewesen sein.
 

2. Beschreibung des Kreuzes.

Jetzt, nach der vollständigen Beseitigung aller Farbschichten, muss man mit Erstaunen feststellen, dass  das  ganze  Kunstwerk   aus  einem  einzigen roten Sandsteinblock herausgehauen worden war: Der schwere Sockel, die beiden Kreuzesbalken,  der großartige Korpus.  („Korpus“ nennt man  die  Gestalt Christi).  Welche  Arbeit  musste  dies  für den Steinmetzen und seine Gehilfen gewesen sein, bis  dieses über 3 m hohe Zeichen christlicher Frömmigkeit  fertig war!

Dass es  während der Barockzeit hergestellt wurde,  sieht der Kunstkenner auf den ersten Blick:  Der  wuchtige Sockel ist weit geschwungen,  unten mit zwei „Schneckennudeln“ und  rechts und links mit zwei Blattornamenten versehen. Die Kreuzesbalken sind massiv,  der Korpus selbst hat rundliche  Formen.  Die  bevorzugten  Farben  waren  gelb, weiß, rot, die aber durch die häufige Übermalungen nicht mehr sichtbar waren. 

Das  Lendentuch  ist  weit  geschwungen  geknotet.   Das  leicht  nach  links  geneigt mit Dornen umwundete  Haupt  Christi  lässt  keine Spuren mehr von den fürchterlichen  Quälereien vor und während der Kreuzigung erkennen. Der friedliche Gesichtsausdruck überrascht. Auch sind keine Wunden von der 3/4stündigen Auspeitschung vorhanden.  Die Finger sind nach innen gekrümmt, die   Nägel   in  den  Handflächen.   Erst   neuere   Forschungen  ergaben,  dass  in  den  beiden Handwurzeln die Festnagelung gewesen sein musste. 

Von  den  beiden  Inschriften  ist  die  obere  nicht  mehr  vorhanden: der „Schuldtitel“ über dem
Haupt Christi, auf dem der Grund seiner Kreuzigung genannt werden sollte, wie dies damals bei den  Römern  üblich  war.   Der Text :  „Jesus Nazarenus Rex Judaeorum“   sagte  nicht viel aus. Zudem  entstand  ein Streit  wegen  dieser  Inschrift  zwischen  dem  Landpfleger und den Juden: „Schreibe, er behauptet, unser König zu sein!“  forderten  die Juden  von  Pontius Pilatus.  Doch dieser,  der  zuvor  noch  halbherzig  Christus  zum von ihnen gewünschten Kreuzestod verurteilt hatte,  obwohl,  wie  er  selbst  sagte,  „keine Schuld an ihm fand“ ,  blieb  unnachgiebig:    „Was ich geschrieben habe, bleibt geschrieben!“  In drei Sprachen konnte daher jeder, der vorbeikam, lesen:  „Jesus von Nazareth, König der Juden“. 

3.  Standorte

Zuerst  wurde es  -  laut Gemeinderechnung  -  im Böhlerweg errichtet.   Dann kam es neben die frühere  Waagenfabrik  Schotthöfer, dort wo die Hofstückstraße auf den Mühlweg stieß. Wegen eines Neubaus musste es im Jahre 1921 wieder versetzt werden. Diesmal in den Ketzerweg, wo
es heute noch steht.
 

Die  Bezeichnung   „Ketzer“   ist  ungeschickt  gewählt.    Sie  hat   nie  und  nimmer  etwas  mit Nichtchristen  oder  Häretikern  zu tun.   „Kätzelerweg“  sollte dieser Feldweg heißen, nach den Weidenbäumen,  die  im zeitigen  Frühjahr  die  wolligen,  bienenfreundlichen „Kätzchen“ zeigen.

4.  Zerstörung 1794

Als  die Truppen  der  französischen  Revolution  nach  ihrem  Sieg  bei  Valmy  zuerst  die Pfalz eroberten,  begann  auch  für  die  Einwohner von Schifferstadt eine schlimme Zeit. Georg Sturm zitiert  den  damaligen  Pfarrer  Stoeckinger  in  seinem  oben  genannten  Buch Seite 52:   „Jetzt begann  eine  Zeit der rohen Freiheit, der Gottlosigkeit und Gewalt, eine Zeit der Zerstörung und Ausschweifung.  Zuerst  kam  das  Pfarrhaus an die Reihe.  Es wurde vollständig geplündert und verwüstet... Mehrere steinerne Kreuze auf dem Friedhof, an den Straßen nach Speier, Böhl und Dannstadt  wurden zusammengeschlagen...  Wenn du dir Soldaten von heidnischer Gottlosigkeit vorstellst, so hast du ungefähr das richtige schaudervolle Bild und ich werde genug gesagt haben.
Du  wunderst  dich  gewiss,  hochverehrter  Nachfolger,  und staunst, wenn du hörst, dass diese Schlechtigkeit  hier  noch  Freunde und Gönner gefunden hat. Allein du brauchst dich nur an das Wort  der  Schrift  bei Matth. 24,28 zu erinnern:  Wo ein Aas ist, da versammeln sich die Geier.“

Die  Beschädigungen  sind  heute  deutlich sichtbar:  Das Kreuz wurde aus dem Sockel gerissen, der  senkrechte  Kreuzesbalken  zweimal  zerbrochen,  der  Schuldtitel  in der Mitte auseinander gehauen,  Löcher  auf  die  Rückseite  des  Sockels  geschlagen.  Aber seltsam:  der eigentlichen Korpus  wurde  überhaupt  nicht  beschädigt.  Dabei galt doch der Hass der Revolutionstruppen diesem  Gekreuzigten!   Eine Vermutung:   Wurde  dieses  Kreuz   gar  nicht von der Soldateska zerstört?   Vielleicht  von angesehenen Bewohnern Schifferstadts?  Dass man sie gezwungen hat, dieses  und  auch  die  anderen  Kreuze  selbst  zu  zerstören?   Sie mussten  wohl  unter eigener Lebensgefahr  diese fürchterlichen Befehle ausführen:  Zuerst das Kreuz am „Dannstadter Weg“, das  wohl  restlos zerstört wurde und man dies dem Kommandanten berichten konnte.  Bei dem Kreuz  in  der Mannheimer Straße ließ man noch den Sockel stehen.  „Aber warum ganz kaputt machen?“  mochten  sie  sich  gesag t haben.  So  zerschlugen  sie  das  „Weiße Kreuz“ und das „Kreuz  im  Böhlerweg“,  aber  nur  die  Balken  und die Sockel, keinesfalls jedoch den Korpus, also  die  Gestalt  Christi!    Sie  konnten  dem  Kommandanten  berichten:   „Befehl  ausgeführt! Kreuze zerschlagen!“ Die Bruchstücke im Wald versteckt oder in einen Graben zugeworfen und mit Gestrüpp und Blättern zugedeckt? So könnte es gewesen sein!  

5. Wiedererrichtung 1817

Nach  seiner  Niederlage  bei  Waterloo  am 18. Januar 1815  wurde  Napoleon  -  nach seiner 18jähriger Herrschaft über fast ganz Europa  -   in Gefangenschaft auf die Insel Helena gebracht. Die europäischen Völker atmeten auf.Auf dem Wiener Kongress bemühten sich die Fürsten, die
alte Ordnung wieder aufzurichten.

Auch  in  Schifferstadt  reparierte  man die  vielen Schäden, holte die Trümmer hervor (lagen sie irgendwo  im  Wald  oder  unter  Gestrüpp in einem Graben?) und stellte die Kreuze wieder auf.
Zur   Stabilisierung brauchte  man  diesmal  allerdings  solide  Eisenstreben  und  Eisenklammern rechts und links des senkrechten Balkens.  

Als  das  Kreuz  im  Jahre 1817 fertig war,  ließen Jacob Lochner und Maria Eva ihre Namen in den Sockel schreiben:

AUFERBAUET
VON JACOB LOCHNER 
UND Maria Eva Geb. HOFMANN
1817

Die  erste  Zeile  ist  irreführend.  Sie  müsste  heißen:  „wieder auferbauet“.   Nämlich   nach der Zerstörung  durch  die  Revolutionstruppen  im  Jahr  1794.  Hatten  die  beiden  Genannten  die Kosten für die Instandsetzung übernommen?

6.Prozessionen

Jahrelang  war  das  Kreuz im Ketzerweg das Ziel der „Markus“-Prozessionen. Natürlich wurde es am Vortag mit schöner weißer Farbe übermalt.   Man zog hinaus „ins halbe Feld“. 

Schon  früh  am  Morgen stellten sich die Katholiken vor der Sankt-Jakobus-Kirche auf:  Zuerst die Kirchenfahnen und  Kreuzträger, dann alle Schulkinder, danach die Priester, die Männer und Frauen.

Es  war  ein  alter  Brauch,  der  bis  in  die heidnische Vorzeit zurückverfolgt werden kann.  Der Umzug  galt  früher  dem  römischen Gott  ROBIGUS.   Er  war   zuständig  für den  Schutz  der wachsenden  Saaten.  Gegen  Mehltau  und  für  die  Gesundheit  des Getreides.  Dabei wurden Tieropfer gebracht.

Als   unsere   Vorfahren   christlich   geworden  waren,   wollten  sie  ihre  Bittprozession  weiter durchführen.   Die katholische  Kirche  kam  ihrem Wunsch entgegen.   Nun aber  zu  Ehren des Evangelisten Markus, der zufällig  am 25. April seinen Festtag hat. 

Die  Bittrufe  an  diesem  Tag   galten   jedoch  nicht  nur  ihm  auf  dem  weiten  Weg  durch  die Kirchenstraße,  die  Iggelheimer  Straße  bis  hinaus  ans  Kreuz  im Ketzerweg. Ohne Unterlass wurde der Rosenkranz gebetet und  bat man Gott, den Herrn:

  „Gib uns unser täglich Brot!
  Herr, segne Fluren und Felder!“

  
und in den begleitenden Liedern hieß es:

 „Alles kommt von Deinem Segen,
 Du gibst Sonnenschein und Regen...

 Wann sich Tiere schädlich mehren
 und die Früchte uns verzehren...

 Wann bei wilden Regengüssen
 Saat und Frucht verderben müssen...

 Wann in heißen Sommertagen
 Schloßen alles niederschlagen...

 Lass uns, Herr, Erbarmen finden!“

Und dazwischen der Bittruf:

 „Schone, o Herr, schone Deines Volkes...“

Sowohl auf dem Weg zum Kreuz am Ketzerweg als auch heimwärts kam man an dem Flurkreuz an  der  Mündung  der  Mühlstraße  vorbei.  Es  steht  am  Rande  eines  Ackers  zwischen zwei Kugelakazien,   die   schon   so   alt   sind,    dass   sie   wohl   beim   nächsten   heftigen   Sturm zusammenbrechen.   Diesem  Kreuz wurde eigenartiger Weise keine Ehre erwiesen.  Alle gingen vorbei,  ohne  es  zu  beachten.   Als  ich  -  als Schulbube -  neugierig fragte, warum dies so sei, antwortete  man  mir:    „Dies ist ein protestantisches Kreuz!“   So  groß  war  damals  die  Kluft zwischen  Katholiken  und  Protestanten.   Gottlob  ist  diese  Zeit  vorbei.  Tatsächlich wurde es 1873  von  den  Eheleuten  Josef  Maurer  und  seiner  Ehefrau  Magdalena,   beide evangelisch, errichtet. Vier Mal wurde es seit 1977 schwer beschädigt, und jedes Mal spendeten katholische und evangelische Bürger unserer Stadt, um es wieder herzustellen.

In  die  Kirche  zurückgekehrt,  fand  ein  Bittamt  statt, und anschließend hatten die Schulkinder natürlich  ihren  Unterricht.  Nur  die  Religionsstunde  entfiel.  Die Gläubigen konnten mit neuem Vertrauen  auf  Gottes  Hilfe an ihre Arbeit in Haus, Feld und Flur gehen, eingedenk des Liedes, das sie gesungen hatten:

 „Streck aus, o Gott, die Vaterhand
 und segne gnädig Leut und Land!
 Dein Segen gibt ja nur allein
 den Erdenfrüchten ihr Gedeihn.
 Erbarm Dich unser, heilger Gott,
 unsterblicher und starker Gott.“

Ältere Leute denken wehmütig an diesen  Tag zurück.  Beten sie noch?: 

  „Alles kommt von Deinem Segen, 
  Du gibst Sonnenschein und Regen.“

 

      7. Reinigung seit 1977 durch die „Aktion Wegekreuze“
 

Als   in  der  Nacht  zum  Karfreitag  1976  das  Wegkreuz   in   der   Iggelheimer   Straße   von Unbekannten   zerstört   worden   war,   lagen   die  Trümmer  fast  ein  Jahr  im  Bauhof  in  der Mühlstraße.  Da  entschlossen  sich  einige  junge Katholiken,  es wieder so aufbauen  zu lassen, wie  es 1873  errichtet worden war.  Ein Spendenaufruf bei der hiesigen Bevölkerung brachte so viel Geld ein, dass sie sich ermutigt fühlten,  auch die anderen Zeugnisse christlicher Frömmigkeit unserer Vorfahren zu reinigen und zu pflegen:  die Mariensäule auf dem Marienplatz, Kapellchen, Marienstatue  und  Kreuz  in  der  Mannheimer Straße usw.  Aber  in  erster  Linie das Kreuz im Ketzerweg.

So  begannen  sie,  die  Grünanlage  vor  dem  Kreuz  zu  entrümpeln und neu zu bepflanzen, die Hecken  zu  schneiden  und  vor  allem  das  ganze  Kreuz zu reinigen.  In mühevoller Kleinarbeit mussten  die  vielen  Farbschichten abgelaugt werden.  Jahrelang war immer vor dem Markustag das  Kreuz  überstrichen  worden,  ohne  die  vorherigen Farbschichten zu beseitigen.  Dick und plump  sah  der  Korpus  aus!  Mit  einer Spezialflüssigkeit musste Stück für Stück eingeschmiert und  mit  reichlich  Wasser  abgebürstet  werden!    Vorsicht  vor  den  giftigen Dämpfen und vor Spritzern, die wie Feuer auf der bloßen Haut brannten! 
 

 8.Das Kreuz heute

Heute  steht  das  Kreuz  zwischen zwei Aussiedlerhöfen, den Familien Emil Magin  und Ludwig Schlosser. Rechts und links vom Kreuz stehen zwei Götterbäume, die eigentlich auf der Insel Sri Lanka  (das ehemalige Ceylon)  beheimatet  sind,  aber  unsere  kalten  Winter  gut  überstehen, rechts ein weiblicher Baum, links ein männlicher. Schnellwüchsig sind diese Bäume!  Werden sie doch  vom  Frühjahr bis  Herbst über 2 m groß!     Der Honig  der  armgroßen Blüten schmeckt gut.  Alte Äste splittern wie Glas. 

Die  Inschrift  auf  dem  Barocksockel ist verwittert und kaum noch lesbar, sie wurde noch nicht
mit Lackfarbe aufgefrischt.   Sie ist dem Klagelied des Propheten Jeremias entnommen:

O IHR ALLE DIE IHR VORUEBER
GEHET HABET ACHT UND
SEHET OB EIN SCHMERZ
IST WIE DER MEINE

Willi Brück 14.05.2005
 
 

Kreuz an der Iggelheimerstraße

Atteln:  „Nach  den  Befreiungskriegen  und  Napoleons  Waterloo  begannen  sich  in  Europa  allerorten   die   alten  Systeme   zu  etablieren.   Dies   galt   auch   für   die  Kirchen.   Religiöse Gerätschaften,  Skulpturen  und  Kreuze wurden  aus   ihren  Verstecken geholt. Jacob Lochner (geb. 1765),  dessen  Vater  Schneider  war,  und  seine um ein Jahr jüngere Ehefrau Maria Eva sorgten für die Wiederaufrichtung des K...“

Sonstiges:  Dabei  musste  er bald noch ein zweites Steinkreuz schaffen.  Das sog. Weiße Kreuz Ecke Hauptstraße – Speyerer Straße.  Nein!  (Es ist 6 Jahre älter!  Siehe:  Gerlinde Bosl:  „Das Kreuz:  Sinnbild des Leidens Jesu  in der Mappe „Ketzerweg“

Lochner ist ein Vorfahre von dem Friedhofgärtner Bartholomä

Ad  9. Fast dasselbe Kreuz in der Hauptstraße. Dort ist das Gesicht schmaler, feiner. Dieselben
Spuren  der  Zerstörung. Dieselbe  Zeit  der  Wiedererrichtung. Auch dort Corpus unbeschädigt.
Kreuz in der Iggelheimer Straße:  Kopf und Gesicht unbeschädigt, alles andere zerschlagen.
 
 

Kreuz an der Iggelheimerstraße, letzte Zerstörung Feb.2005

 


Euch sage ich allen, die ihr

vorüber geht: Schauet und

sehet ob irgend ein

Schmerz sei wie mein Schmerz

der mich getroffen hat.

Klagel. Jerem. Cap. 1,12

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