Der „wilde Mann“

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Er sieht schon recht mitgenommen aus, der Mann oben in der Nische der Großen Kapellenstraße 21: großer Schlapphut, abgehauene rechte Hand, plumper Wanderstock, eng anliegende Jacke, abgetragene Hosen und derbe Stiefel. Es ist der „wilde Mann“, wie er im Volksmund heißt, also Wotan, der höchste der germanischen Götter. Von seinen beiden Wölfen, die ihn ständig begleiten, lauert nur Freki (der Gefräßige) an seinem rechten Fuß. Geri (der Gierige) ist gewiss unterwegs auf Beutejagd. Auch die beiden Raben Hugin (der Gedanke) und Munin (die Erinnerung) sind unterwegs. Sie müssen ja ausfindig machen, wo ein Kampf stattfindet, um dies Wotan ins Ohr zu flüstern. Sofort springt er auf, reitet hin, schaut zu und erfreut sich am Kampf. Sein Pferd heißt Sleipnir, ist ein Schimmel und hat 8 Füße. Wenn 4 müde sind, werden sie eingezogen, und der Ritt geht auf den anderen 4 ausgeruhten Füßen weiter.

Er reitet über die Brücke, die Asgard (Reich der Götter) mit Mitgard (Reich der Menschen) verbindet. Diese Brück heißt Bofröst und wird gelegentlich von Menschen gesehen. „Schau mal, ein Regenbogen!“ sagen sie dann.

Sein rechtes Auge fehlt. Da er auf ständiger Suche nach Wissen und Weisheit ist und aus der Quelle der Weisheit trinken wollte, musste er dem Riesen Mimir dieses Auge opfern. Erst dann durfte er trinken. Auch wollte er die Kraft und Weisheit der Runen erhalten. Zu diesem Zweck hängte er sich 9 Tage und 9 Nächte in den Zweigen der Weltesche Yggdrasil auf. Selbstverständlich war er auch am Fuß dieses Riesenbaumes bei den 3 Schicksalsnornen. Sie spinnen den Lebensfaden: Urd (Zukunft) holt den Faden aus der Spindel, Vérdandi (Gegenwart) gibt ihn weiter und Skult (Vergangenheit) schneidet ihn ab. 

„Wilder Mann“ oder „wilder Jäger“ heißt er, weil er im Herbst, wenn die Stürme brausen, den Verstorbenen voranreitet. Er oder seine Gemahlin Fricka (= Frick = Holda) mit 24 schwarzen bellenden Hunden und 423 000 Geistern im Gefolge. Besonders in den „Raunächten“, den „Zwölfen“, im „Mitwinter“ zwischen dem Julfest (Weihnachten) und Fest Erscheinung (6. Januar)

Ihre Töchter heißen „Walküren“. Sie geben dem sterbenden Krieger den tötenden Kuss, einen friedlichen Tod. Dann tragen sie ihn auf ihrem Schild hinauf in die Götterburg Walhalla. Dort bedienen sie die Helden als Schenkmädchen. Gerne verwandeln sie sich auch in Schwäne und erfrischen sich in einem abgelegenen Teich im dunklen Wald. Der Trojer Hagen, hatte mit dem Heer der Burgunder die Hauptstadt Worms verlassen, um im Hunnenland Kriemhild zu besuchen, die den Hunnenkönig geheiratet hatte und auf Rache sann an der Ermordung ihres Siegfried. Hagen stahl zwei Schwanengewänder und gab sie nur zurück, wenn sie ihm die Zukunft sagen würden. Furchtbar: das ganze Heer wird zugrunde gehen. So geschah es auch.

Wotans erster Sohn ist groß, kräftig, mit dichtem rotem Bart. Er kann Unmengen essen und trinken und heißt Thor, Donar. Der Donnerstag ist ihm geweiht. Die Eiche ist ihm heilig. Sein Tier ist der Ziegenbock. Seine Waffe ist der Hammer. Er kehrt immer zurück wie ein Bumerang. 

Dem Vater Wotan ist der Mittwoch geweiht (franz. mercredi = „Tag des Merkur“). Der Freitag gehört Wotans Schwägerin Freia oder seiner Gemahlin Fricka. 

Walhall ist die Götterburg mitten in Asgard, dem Reich der Asen. Im Riesensaal schlafen die im Kampf gefallenen Helden. Morgens weckt sie der Hahn „Goldkamm“. Sofort legen sie ihre Waffen an und ziehen hinaus auf den Kampfplatz. Sie sind glücklich, kämpfen zu dürfen, fügen sich auch gegenseitig Wunden zu und töten auch, aber am Abend sind alle wieder lebendig und gesund. Sie kehren freudig zurück und essen den bei der Jagd erlegten und gebratenen riesigen Wildeber Sährimnir. Der wird aber wieder lebendig und trottet zurück in den Wald. Dann wird er unter jubelndem Jagdgeschrei gejagt. Es geht durch dick und dünn, über Stock und Stein, durch Dickicht und Teich. Es gibt nichts Schöneres.

Aber das Sich-fit-Halten ist nicht ohne Absicht. Schließlich steht ein fürchterlicher Endkampf bevor, die Götterdämmerung. An diesem Tag erheben sich von allen Seiten dämonische Mächte:

Der Riesenwolf Fenrir, die Mitgardschlange, die draußen im Weltmeer lauert und Ebbe verursacht, wenn sie einatmet, und Flut, wenn sie ausatmet. Natürlich auch Loki. Dann ist das Nagelschiff fertig, das aus den Fingernägeln der Verstorbenen gebaut wird. Damit es nicht so rasch fertig wird, mussten den Toten die Nägel vor der Beerdigung geschnitten werden.

Dass Wotan nicht nur ein Schrecken einjagender Gott war, sondern äußerst hilfsbereit, wissen wir aus der Nibelungensage. Darin erklärte er Siegfried, der gerade bei Zwerg Mime sein Schwert Gram geschmiedet hatte, wie er das Pferd Grani, ein Abkömmling Sleipnirs, gewinnen konnte. Leider hatte es keine 8 Füße. Es war aber äußerst tapfer. Wie Siegfried selbst. 

Aber das ist wieder eine andere Geschichte...

W. Brück 18.03.06